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Frei sein

Frei sein. Einfach alles hinter sich lassen. Ein Schritt und alles ist vergessen. Ein Schritt und der Schmerz ist weg. Tränen liefen aus ihren geschwollenen Augen die aufgeschürften Wangen hinab als sie in die Ferne sah. Eine große Stadt lag ihr zu Füßen. Wo genau sie sich befand hatte sie schon lange vergessen – oder einfach nur verdrängt.

Sie werden es vielleicht nicht verstehen aber sicherlich irgendwann drüber hinweg kommen. Ihre Eltern haben sich doch immer mehr erwartet. Erinnern sie sich überhaupt noch an ihre Tochter? Würden sie sie wiedererkennen, wenn sie die junge Frau sehen? Sie waren doch immer enttäuscht und dann diese endlos langen Streits. Würden sie zu ihrem Begräbnis gehen? Würde ihre Mutter weinen? Wen kümmert es schon? Die Aufmerksamkeit kommt dann zu spät. Ein Schritt und alle Sorgen, alle Beleidigungen, alle Fehler, einfach alles ist vergessen.

Sie setzte sich an den Rand und ließ ihre Beine baumeln. Ein leichter, erfrischend kühler Wind wehte ihr durch die Haare. Sie schloss die Augen und dachte an ihre Kindheit. Ihre grausame Kindheit. Sie sagten, ich wäre anders, passe nicht dazu. Nirgends. Meinten ich solle sich verziehen, nie mehr wieder kommen. Wer hätte damals gedacht sie würde es wirklich tun? Nun saß sie hier, hoch oben auf einem  Dach und zündete sich ihre vielleicht letzte Zigarette an. Die Sonne wanderte langsam den Horizont herab und der Himmel verfärbte sich in diese schönen Farben, die sie schon so lange nicht mehr gesehen hatte.

Es war beinahe still um sie herum. Einzig und allein hörte sie die Zigarette knistern als sie einen tiefen Zug davon machte. Der Rauch blies langsam aus ihrem Mund und streichelte ihre spröden Lippen. Sie lächelte. Wann hatte sie das letzte mal gelächelt? Es war bestimmt schon einige Monate her. Bald ist es vorbei. Sie blickte einem Vogel hinterher bis dieser schließlich in der Ferne verschwand. Frei sein wie dieser Vogel, das ist mein großer Traum. In die Luft springen und fliegen. Egal wo hin, egal wie weit. Einfach nur weg von hier. Weg von diesem Leben.

Sie fühlte sich alleine. Keiner war je da für sie. Sie war schon immer ein Einzelgänger. Doch wollte sie das? Ganz bestimmt nicht. Sie wollte doch immer nur Freunde haben, Freunde mit denen sie über alles reden und Spaß haben konnte ohne darüber nachdenken zu müssen wer sie war. Doch es hat sich nie jemand für sie interessiert, für ihr Leben. Warum auch? Wer war sie schon gewesen, das man sich mit ihr abgeben sollte. Sie nahm noch einen tiefen Zug von ihrer Zigarette.

Ein Schritt und alles ist vorbei. Ein Schritt und sie müsse sich nicht mehr rechtfertigen. Nicht mehr diskutieren. Nicht mehr hören welche Fehler sie macht und was für ein beschissen durchschnittlicher Mensch sie sei.

Sie blinzelte und als sie ihre Augen öffnete sah sie sich ein letztes mal die Stadt an. Sie ließ den Stummel ihrer Zigarette fallen, stand auf und stellte sich mit dem Rücken zur Dachkante. Sie breitete ihre Arme aus. Nur ein Schritt. Eine letzte Träne floss ihr aus den Augen. Ein Windstoß kam, drückte ihr auf den Brustkorb und gab ihr den Anstoß für diesen einen Schritt.

22.3.15 20:42

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